Die ursprünglichste Geste der abendländischen Philosophie ist womöglich jene der Antiphilosophie: Ohne die Antiphilosophie keine Philosophie. Kritik, Geburt, Kollaps – die zwei tanzenden und ringenden Sterne der Philosophie einerseits und der Antiphilosophie andererseits, die die kontinentale Philosophiehistorie der letzten Jahrhunderte sicher dominierte und zahlreiche Autor*innen ins Nichts und andere in den Orbit der Institutionen, der Wissenschaften, der Öffentlichkeit usw. usf. schleuderte. Marx stellt sich ausserhalb der Philosophie, welche er als Ideologie beschimpft; doch einige Jahre vor der Schrift «Die deutsche Ideologie» bezeichnete er den Kommunismus noch als verwirklichte Philosophie, die schliesslich die Philosophie aufhebt. [Karl Korsch, deutscher Kommunist und Mitgründer des Institut für Sozialforschung (IfS) bezeichnete 1923 in «Marxismus und Philosophie» die «materialistisch-dialektische, kritische und revolutionäre Theorie von Marx und Engels in den vierziger Jahren» als eine «an sich noch philosophische ‹Anti-Philosophie›».] Nietzsche schreibt wiederum nichts anderes als eine Philosophie die eine Antiphilosophie zugleich ist: Eine Stimme und eine weitere (und eine weitere). Eine nicht systematisierbare Mannigfaltigkeit, die nichts mehr mit der herrschenden Systemphilosophie, mit Kant (oder Hegel) oder dem Moralismus zu tun hat, ausser dass sie selber keine ist. Marx und Nietzsche sind allerdings noch eher Philosophen, noch eher mit der Philosophie verträglich (egal wie gefährlich sie eigentlich sein könnten), obschon mindestens Nietzsche ein Aufeinanderprallen und schliesslich die Explosion der beiden Sterne darstellt. Auftritt: Freud und das 20. Jahrhundert. Kein Anderes nichtphilosophisches Schaffen hat die (abendländische) Philosophie so dermassen beeinflusst wie jenes des Triumvirats von Marx, Darwin und Freud.
Dabei versuchen mehrere Kontinente der Philosophie diesen Einfluss zu ignorieren, zu verdrängen, ja gegen Marx, Darwin und Freud wird in den Krieg gezogen, bewaffnet mit dem, was Philosoph*innen «Wissenschaft» nennen, als ob Nietzsche nie war und Feyerabend nie geschah; bewaffnet mit dem, was Philosoph*innen «Logik» nennen, als ob Wittgenstein nie geschah und das Unbewusste nur eine Erfindung eines alten Wieners war; bewaffnet mit dem, was Philosoph*innen «das Subjekt» nennen, als ob das 20. Jahrhundert nie geschah und das Individuum eins sei.
Obschon die Philosophie heute die Antiphilosophie, mehr benötigt, denn je: eine Antiphilosophie für die Philosophie.
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Die Philosophie der Gegenwart hat kaum die Kapazität archivarisch vorzugehen, weder materiell und finanziell noch intellektuell. Die Geschichte der Philosophie findet ihr bestes Archiv heute in den Sedimentschichten des Denkens und Nicht-Denkens selber. Diese steigen empor in Geschichten, Erzählungen und Mythen, Fragmenten und Essays; ein Handwerk der Methode, das Handwerk der Philosophie. Das zeigt sich auch in dem Versuch, der Roland Barthes Mitte der 1950er-Jahre unternimmt: Barthes versucht sämtliche Mythen des französischen Alltagsleben in Form von kleinen Essays zu verfassen. Er bedient sich dabei an jeglichen Trivialitäten wie beispielsweise Zeitungsartikel, Slogans, Wrestling, Spielwaren, Lebensmittel und gar dem Akt des Striptease für seine Überlegungen, die zwar willkürlich sind, aber ihm sowie dem zeitgenössischen Leben aktuell erscheinen.
«Kurz, ich litt darunter, daß in der Erzählung unserer Gegenwart ständig Natur und Geschichte miteinander vertauscht werden, und ich wollte dem ideologischen Mißbrauch auf die Spur kommen, der sich nach meinem Gefühl in der dekorativen Darstellung des Selbstverständlichen verbirgt.»
Um das Verhältnis zwischen der dargestellten Wirklichkeit und der ihr unterstellten Natürlichkeit zu verdeutlichen, bezieht er sich auf den archaischen Begriff des Mythos. Für Barthes ist der Mythos eine Sprache. Die scheinbar weit entfernten Dingen, mit denen er sich befasst, sind zumindest in den literarischen Texten, die er in frühen Essays behandelt, nicht allzu weither geholt; die Gegenstände der bürgerlichen Welt und das darin verborgene Denken beeinflussen sich gegenseitig.
«Und Bedeutungen sind es, die ich stets in ihnen gesucht habe. Sind es meine Bedeutungen? Anders gesagt, gibt es eine Mythologie des Mythologen? Gewiß - und der Leser wird selbst erkennen, welche Wette ich damit eingehe.»
Zur Zeit von Barthes herrscht die Meinung, dass es eine natürliche Kluft gibt zwischen der «Subjektivität des Schriftstellers» und der «Objektivität der Gelehrten». Die Annahme, die ersteren folgen der «Freiheit», während die letzterten der Berufung unterstellt sind, stellt Barthes in Frage. Beides diene lediglich dazu, «die realen Beschränkungen ihrer Situation zu verschleiern oder zu nobilitieren».
Für Barthes haben Worte und Objekte die organisierte Fähigkeit gemeinsam, etwas zu sagen; gleichzeitig haben Worte und Objekte, da sie Zeichen sind, den bösen Glauben, ihren Konsument*innen immer natürlich zu erscheinen, als ob das, was sie sagen, ewig, wahr, notwendig wäre, statt willkürlich, gemacht, kontingent.
In Mythologien deckt Barthes die modischen Ideensysteme auf, die es beispielsweise ermöglichen, dass «Einsteins Gehirn» für den Mythos eines «Genies steht, dem es so sehr an Magie mangelt, dass man von seinem Denken wie von einer funktionalen Arbeit spricht, die der mechanischen Herstellung von Würsten entspricht». Jeder der kleinen Essays in diesem Buch entreisst einem gewöhnlichen, aber konstruierten Gegenstand eine Definition und lässt ihn aus seinem verborgenen, aber allgegenwärtigen Reservoir an hergestelltem Geschmack sprechen.
Wir beanspruchen für uns, den Widerspruch unserer Zeit auszuleben, der den Sarkasmus zur Bedingung von Wahrheit machen kann. In Barthes eigenen Worten:
«Diese im Monatsrhythmus verfaßten Essays erheben nicht den Anspruch einer organischen Entwicklung. Was ihren Zusammenhang herstellt, ist ihre insistierende Wiederholung. Denn ich bin zwar nicht sicher, ob - wie das Sprichwort behauptet - die Wiederholung von Dingen Wohlgefallen weckt; aber ich glaube, daß sie zumindest etwas bedeuten.»
von Francisco Cortes und Severin Kessler
20/01/2024